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Position Das Boot Der Seemann usw...
           
 
 
 
 
Einige Erinnerungen aus 'Ata'Atas Logbuch...
Kanäle von Patagonien und Tierra del Fuego Neuseeland und die Chatham Inseln Von Polynesien nach Neuseeland In Polynesien und auf Hoher See
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Die Überquerung des Südpazifischen Ozeans
 
 
Südpazifischer Ozean
Dunedin  -  Chatham Inseln
Nemo Punkt  -  Valdivia
 
     
 
Es war ein Abenteuer, das mir schon lange am Herzen lag, den grössten Ozean in den südlichen Vierzigern zu überqueren und am Nemo Punkt meine Flaggen zu setzen. Warum, habe ich eigentlich keine Ahnung. Anscheinend ist der Mensch einfach so gebaut, dass er, wenn er einen Berg vor sich sieht, das Bedürfnis spürt, ihn zu besteigen, und dass ein Seemann am Ufer eines Ozeans unbedingt einen Blick auf die andere Seite des Meeres hinters Horizont werfen muss. In einem harten Moment der Überfahrt schrieb ich in mein Logbuch den berühmte Satz Platos, ergänzt von Marcel Pagnols César in seiner urigen Sprache aus Marseille:
Es gibt drei Arten Menschen...
Jetzt, wo ich diesen alten Traum verwirklicht habe, bereue ich es bis zum meinen 70 Jahren gewartet zu haben, um mir dieses Geschenk zu machen! Ich kann nicht sagen, dass es ganz leicht war, denn es ist immerhin ein harter Brocken, ein langer sogar, aber ich fühlte mich sehr wohl, und als ich in die Nähe der südamerikanischen Küste kam, hätte ich die Reise ohne weiteres fortsetzen können: kein Gefühl von "genug" oder "endlich Land". Draussen war ich einfach glücklich, worüber ich mich ja nur freuen kann, wenn ich denke, dass ich drei Monate vor dem Start in Dunedin, Neuseeland, für meine Schulter-Operation im Spital lag.
Waitangi Harbour, Chatham Islands
Ich habe mich sehr darüber gefreut die ersten 500 Meilen zu den Chatham-Inseln mit meinem Freund Allan aus Dunedin segeln zu dürfen. Für ihn war es die erste Fahrt auf hoher See, aber er ist ein starker Seekajakfahrer, immer guter Laune und voll Humor, einfach der Traum eines Crewmitgliedes, einer der wenigen, die ich für etwas rauhere Überfahrten wie diese mitnehmen würde. Nachdem wir Otago Harbour in Windböen von etwa 40 Kn verlassen hatten, wurden es fünf angenehme und abwechslungsreiche Segeltage, auch sehr kalte, nach denen wir auf den Chatham ganz herzlich empfangen wurden. Der Fischerhafen-Meister von Waitangi stellte uns eine Boje zu Verfügung, welche in dieser grossen, nicht sehr geschlossenen Bucht uns sehr willkommen war. Dort schien 'Ata'Ata mit dem selben Aussehen wie die soliden einheimischen Fischerboote aus rohem Aluminium zur Familie zu gehören. Angus, der Polizist der Chatham Inseln, mit Natalie und Allan Angus, der Polizist der Chatham-Inseln, war offiziell von Immigration New Zealand mit der Mission beauftragt worden zu kontrollieren dass Allan wirklich dort aussteigt und in Neuseeland bleibt (da die Chatham Inseln keinen Grenzposten haben). Aber in der Tat hatte er einfach die riesige Freundlichkeit, uns zusammen mit seiner charmanten Freundin Natalie, aus Wellington wie er selbst, die ganze Hauptinsel zu zeigen, indem er uns zwei Tage lang mit auf Dienstreise im Polizeiauto mitnahm! Die 500 Einwohner des Archipels leben von der Hummer- und Blue Cod Fischerei, welche sie täglich per Flugzeug zu Goldpreisen nach Auckland verschicken. Ihr Geld verbrennen sie in der einzigen Hotel Bar des Hauptortes Waitangi in Bieren zu horrenden Preisen, welche das Lächeln der netten Chefin und die freundliche Stimmung der Kneipe jedoch verdaulich machen! Aber die in dieser rauen Ecke des Pazifischen Ozeans verlorenen Inseln, welche nur ganz wenige Boote besuchen, hinterliessen mir vor allem die Erinnerung an wunderbar wilde Landschaften in Lichtspielen, welche nur so gewaltige und plötzliche Wetterveränderungen in einer so rohen Natur inszenieren können.
 
Koenigsalbatros Von den Chatham Inseln aus, segelte ich dann einhand weiter, und zwar zuerst eine Woche lang auf Kurs ONO bis zum 40. Breitengrad S, um die zu dieser Zeit weiter südlich auf dem Grosskreis wütenden Tiefs zu umfaren. Bei 40° S - 159° W kam ich trotzdem in einen kleinen Sturm aus Südosten, dessen heftigste Fase allerdings nur ein paar Stunden dauerte, während welchen ich das Boot einfach ruhig und problemlos etwas ausser Kurs nach Norden segeln liess. Dann konnte ich auf Kurs OSO ziemlich regelmässig hinunter zum Nemo Punkt steuern, dem auf Erde von jeglichem Land am weitesten entfernter Punkt. Den Punkt wollte ich erreichen um dort die schweizer Fahne zusammen mit Wimpeln der Fadanautes des Cercle de la Voile de Neuchâtel sowie des Otago Yacht Clubs, der mir die Ehre erwiesen hatte, mich zum Ehrenmitglied zu ernennen, einzustecken. Die Gelegenheit dieser "Eroberung" neues Schweizer Landes habe ich auch ausgenützt, um in dieser Ecke des Pazifiks etwas Ordnung zu schaffen, indem ich dort ebenfalls Wegweiser eingesteckt habe. Diese ermöglichen es nun, sich dort einfacher zu orientieren, indem sie Richtungen und Entfernungen einiger Orte anzeigen, die für mich in der Schweiz, Italien, Deutschland, den USA, Polynesien und Neuseeland einen Symbolwert haben. In 4100 Metern Tiefe ...! : -) 'Ata'Ata - ISS
 
Dort habe ich es ein bisschen bereut, kein KW-Funkgerät zu haben, was mir wahrscheinlich ermöglicht hätte, mit den Jungs der ISS-Raumstation Kontakt aufzunehmen, den Menschen, die in jenem Moment am nächsten zu uns waren. Ich habe es wohl mit UKW versucht, jedoch erfolglos, was mich ja nicht überrascht hat. Ich hätte sie bitten können, mir ein bisschen Raum zu gewähren, bevor sie mir ihren Mülleimer auf den Kopf leerten. Denn in der Tat lassen die Weltraumagenturen der Welt ihre verfallenen Satelliten und weitere Orbitalabfälle aller Art ausgerechnet in dieser menschenleeren Ecke unseres Globusses zurück auf Erde fallen!
 
Ein schön heisser Kaffee Die starken Westwinde trieben uns dann bis auf 50° S hinunter, wo ich den heftigsten Sturm meines Lebens erlebte: in Winden im hohen Bereich der Sturm-Skala und mit Wellen die oft übers Deck fegten und wegrissen, was sie nur konnten, hat 'Ata'Ata bestätigt, ein hervorragendes kleines Boot zu sein, und um in solchen Breiten und Bedingungen zu segeln würde ich auf jeden Fall wieder ein solides Schwertboot wählen. Es stimmt, dass die Meere des tiefen Südens etwas eigenartiges haben: die grosse Dünung, die von Westen immer vorhanden ist, wartet nur auf die Stürme, die mit metronomischer Regelmässigkeit aufeinander folgen, um jene riesigen Wellen zu bilden, die mit riesiger Kraft aufs Boot hauen, vor allem, wenn sie im rechten Winkel Nebenwellen kreuzen, die von der vorherigen Windrichtung hinterlassen worden waren. Ich muss gestehen, dass es beeindruckend ist, das Wasser wie unter Druck durch die winzigen Spalten der geschlossenen Eingangstür hinunter spritzen zu sehen! Es gibt Momente, in denen man sich sehr klein und unbedeutend fühlt und nur demütig die Freisetzung so unlaublicher Kräften bestaunen kann...
 
Kälte und Nässe Es ist schlussentlich aber doch die Kälte, die das grösste Problem war: bei 0°, wenn alles klitschnass ist und der Regen nach Schnee riecht, oder dir der Hagel ins Gesicht und auf die Hände peitscht, kannst du soviele Schichten guter Kleidung anziehen und zum Schlafen kein Stück davon ausziehen, es friert einfach! Ich trank einen heissen Kaffee nach dem anderen, schon nur um meine Hände angenehm etwas aufwärmen zu können, da die Bordheizung unterwegs unter diesen Bedingungen nicht benützbar war.
 
Ich hatte auch ein bisschen Glück, ein bisschen viel Glück sogar: kurz nach halber Überfahrt und nach dem heftigsten Sturm brach eine Unterwant, und zwar wegen einer einfachen gebogenen Platte aus rostfreiem Stahl, dessen Material kristallisiert hatte (ein wohl bekanntes Phänomen, welches ich jedoch in 50 Jahren Segeln zum ersten Mal live erlebet habe). Es ist mir gelungen zu reparieren und etwas "sanft" weiterzusegeln ohne den Mast zu verlieren, wobei ich etwas Geschwindigkeit einbüssen musste, was ja überhaupt keine Rolle spielte (ich hätte wahrscheinlich etwa 2 Tage gewinnen können, wenn ich mit vollen Segeln hätte weitersegeln können).Wantenspanner-Gelenk Es ist psychologisch sehr unangenehm, 2000 Seemeilen von jeglichem Land entfernt plötzlich eine Want in der Luft herumtanzen zu sehen, wenn man weiss, dass der Mast an weiteren fünf genau gleichen Stahlplatten hält. Das Material war einfach zu schwach, besonders an der Stellen, wo die Griffspuren des Biegewerkzeuges deutlich zu erkennen sind! Der grosse Bordvorrat an Tauwerk war sehr nützlich, um die Mastverstagung zu ersetzen und zu verstärken, insbesondere die 200 Meter Ø 8 und 10 mm Dyneema Festmacher. Im Schraubstock der Werkstatt des Yachthafens konnte ich nach der Ankunft neue Wantenspanner-Platten in einer besser geeigneten Niro-Stahl Dicke anfertigen.
 
Zusatz-Verstagung Ich musste ebenfalls ein neues Windpilot-Ruderblatt herstellen, da das Originalteil aus profiliertem Aluminium wie ein Streichholz gebrochen wurde, und zwar von hinten nach vorne, also in Fahrtrichtung. Wenn es nicht ein grosser Fisch war, der dieses Ding für einen Zahnstocher hielt, waren es die Schläge der grossen Wellen, die von hinten dieses zwar elegante aber falsch gezeichnete Teil, zerstört haben: von einer Nylon-Sollbruchschraube gesichert müsste dieses Ruderblatt nicht nur nach hinten, sondern ebenfalls nach vorne klappbar sein. Mit einem kleinen wiederaufladbaren Bohrer konnte ich ein robustes Ruderblatt basteln, indem ich das Sperrholz-Sitzbrett meines Gummibeibootes opferte und es mit Platten aus rostfreiem Stahl verstärkte. Dieses Notruder arbeitet heute noch und genauso effizient wie das Original.
 
Ruderblatt des Windpilotes Tausend Seemeilen vor der chilenischen Küste, bei 45° S, musste ich fast zwei Tage lang in einem kalten und nassen Nebel segeln, wobei die Sichtweite sich auf weniger als eine halbe Meile reduzierte. Es war magisch, in dieser Watte zu segeln, welches mich an frühere Jahre im Ärmelkanal oder in der Nordsee erinnerte, jedoch weit weg von allem, im Nirgendwo. Glücklicherweise liess uns ein südlicher Wind regelmässig vorankommen. Und 200 Seemeilen vor der Küste machte ich dann die erste und einzige Begegnung der ganzen Reise, diejenige eines grossen chilenischen Fischerschiffes, welches unseren Kurs vorab durchquerte.
 
Nach 45 Tagen auf See und 4735 Seemeilen wurde ich im Valdivia Yacht Club, in dessem kleinen Yachthafen La Estancilla, am Rio Valdivia, halbwegs zwischen Stadt und Ozean, ausserordentlich herzlich empfangen. Nach all den tollen Freunden, die ich in Neuseeland gefunden hatte, sind die Chilenen ebenfalls wunderbare, freundliche Menschen, einschliesslich die Leute der Marine, des Zolls, der Einwanderung, des Landwirtschaftsministeriums und des MRCC (Seerettungsdienst): alle nehmen ihren Job sehr ernst, jedoch ohne Komplikationen und sehr freundlich; es ist das einzige Land in Südamerika, welches einen Hochsee-Rettungsdienst betreibt, der eine so weite Fläche deckt, da sie von der Antarktis bis in die Tropen und zur Osterinsel hinaus im Westen operieren). Hut ab!
 
Valdivia Es war schon eine Weile her, seitdem ich mein Spanisch zu letzten Mal gebraucht hatte und nun war mir diese Sprache sehr nützlich, da ich nach meiner Ankunft kaum einen Moment Zeit mehr für mich hatte: immer wieder war ich auf anderen Booten eingeladen oder empfing ich Besuch, der kam um mich zu begrüssen und mir zu dieser tollen Einhand-Überfahrt zu gratulieren, oft mit einer Flasche Wein oder irgendeinem anderen Geschenk! Die Leute sind wunderbar und die Region, in einem Bogen Chiles einzigen schiffbaren Flusses, ist in ihrer Vielfalt von Grüntönen zauberhaft schön. Dafür befindet sich Valdivia halt, wie die Einheimischen stolz sagen, in einer der regenreichsten Regionen Chiles! Es stimmt, dass es im Durchschnitt viel regnet, obwohl die ersten Sommertage gerade wunderschön sind. Es berührt einem zu denken, dass diese "Region de los Rios", die idyllische Region der Flüsse, deren Hauptstadt Valdivia ist, 1960 durch das stärkste Erdbeben, das jemals auf unserem Planeten gemessen wurde, vollständig umgestaltet wurde: eine Stärke von 9,5 mit unvorstellbaren Schäden und Tausenden von Toten in Chile und in der ganzen Weite des Pazifischen Ozeans!
 
Valdivia vom Himmel aus Vom Yachthafen fährt alle 20 Minuten ein Bus etwa zehn Kilometer entlang des Flusses zur hübschen Stadt Valdivia. Mit ihren 130.000 Einwohnern und, unter anderen Universitüten, die renommierte Universidad Austral de Chile, ist Valdivia Dunedin in Neuseeland sehr ähnlich: von ähnlicher Grösse und ebenfalls um der wichtigen Universität im Süden des Landes lebend. Und der Kontrast zwischen den beiden ebenso gastfreundlichen Städten, welche 10.000 Kilometern auseinander auf beiden Ufern des Pazifiks liegen, ist bemerkenswert, mit dem Gegensatz der ruhigen, organisierten und sauberen Kiwi-Stadt mit nördlichem Temperament einerseits und der unendlich bunten Farben, Klängen und Aktivitäten der Lateinamerikanischen Stadt andererseits. Was für ein wunderbares Privileg, diese faszinierende Entdeckung des Reichtums unserer Welt einfach mit der Kraft des Windes in den Segeln meines kleinen Bootes gemacht haben zu dürfen, was mir die Zeit gab, das wahre Mass der Dinge zu ergreifen!
 
 
 
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